Staatskapelle Weimar: Sinfoniekonzert setzt Gustav Mahler in Szene

Das „Klagendes Lied“ stand beim sechsten Sinfoniekonzert klanggewaltig im Zentrum.

Nicht nur dieses Stück sorgte für Gänsehaut. Als Zugabe erklang der dreistimmige Kirchenkanon „Dona nobis pacem“ (Gib uns Frieden), und Chefdirigent Dominik Beykirch animierte das Publikum in der Weimarhalle zum Mitsingen.

Dieser Gänsehautmoment zum Ausklang des 6. Sinfoniekonzerts der Staatskapelle Weimar ließ am Sonntag (und am Montag gewiss auch) kurz den irrealen Gedanken aufkeimen, dieser märchenhafte chorsinfonische Abend mit dem vorzüglichen Ernst Senff Chor Berlin wäre auch als Anti-Kriegs-Konzert anlässlich des nach wie vor andauernden Krieges zwischen Russland und der Ukraine konzipiert worden. Ging es doch im Hauptwerk des Abends, Gustav Mahlers „Klagendes Lied“ als seinem klanggewaltigen Komponistendebüt, um nichts weniger als einen veritablen Brudermord.

Und so hatte Mahlers spätromantische Glut auf groteske Weise eine aktuelle Konnotation, als der Rittersmann sein „Schwert von Stahl“ zückte und die Sopranistin Emma Moore – zu Gast aus Australien – mit zuckrig-süßem Sarkasmus sang: „Ach Bruder, lieber Bruder mein, du hast mich ja erschlagen!“

Der solistische Hauptpart in diesem opulenten, dreiteiligen „Fin de siècle“-Opus oblag der expressiven Altistin Iris Vermillion, die mit weittragender Stimme mühelos über das knapp 100-köpfige Orchester und den rund 60-köpfigen Chor kam. Gesanglich gute Figur machten auch Andreas Post mit agilem Tenor und Daniel Blumenschein mit emotionalem Bariton.

Der Staatskapelle Weimar unter der souveränen, präzisen und motivierenden Leitung des erprobten Dirigenten Dominik Beykirchs merkte man ihre Expertise in diesem Repertoire an – nicht nur bei Gustav Mahler inklusive ätherisch erschallendem Fernorchester, sondern bereits vor der Pause in den Auszügen aus Alexander Zemlinskys Oper „Es war einmal“ und in Engelbert Humperdincks Tonbildern aus seiner unbekannten Oper „Dornröschen“.

Wie ein Sturm über dem Schwarzen Meer wogten die betörenden Orchesterklänge quer durch die Weimarhalle, und wer sich nicht am Stuhl festkrallte, der wäre um ein Haar in ihnen ertrunken. Thüringer Allgemeine 22.03.2022

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