Von: Kaspar Sannemann
Oper aktuell - Sonntag 07.02.2010
Unterstützt wurde der fiebrige Charakter des Werks durch die mal unheilvollen, mal bacchantischen Einwürfe des hervorragenden Ernst Senff Chors.
Gesamte Kritik:
Zum Glück gibt es immer wieder Künstler, welche sich auf musikalische Entdeckungsreisen begeben. Denn die Erweckung aus einem über 80 Jahre dauernden Schlaf hat diese Oper mehr als verdient. Sie begeistert mit einer direkten, das Ohr fordernden aber nicht überfordernden musikalischen Kraft, ohne intellektuell verbrämten Überbau. (Diesen steuern allein Kokoschkas sprachliche Verdrehtheiten bei …)
Man kann sich vorstellen, welcher Hektik die Verantwortlichen ausgesetzt waren, als in der Woche vor der ersten Aufführung gleich fünf SängerInnen ihre Partien zurückgeben mussten. Und dies bei einem Werk, welches seit 70 Jahren nicht mehr aufgeführt worden ist. Doch davon merkte man überhaupt nichts. Brigitte Pinter (Einspringerin für Janice Baird) sang die Eurydike mit grosser, angenehm dunkel timbrierter hochdramatischer Stimme und vorzüglicher Diktion. Trotz üppigen Orchesterklangs blieb sie stets gut hörbar, ohne forcieren zu müssen. Eine imponierende Leistung. Ebenso eindringlich gestaltete Daniel Kirch (Einspringer für Dominik Wortig) den Orpheus mit seinem hellen, sehr sauber und ansprechend klingenden Tenor. Die dritte grosse Partie der Oper ist jene der Psyche: Claudia Barainsky (Einspringerin für Lisa Milne) sang sie mit leuchtendem, von zauberhaft zartem Vibrato umflorten Sopran. Auch Christoph Schröter (Matrose) und Tye Maurice Thomas (Betrunkener) übernahmen ihre Rollen kurzfristig - und überzeugten mit ihren kurzen Auftritten. Einzig die “bösen” Furien hatten es anscheinend in ihrer Macht, Grippe- und andere Viren von sich fernzuhalten. Jedenfalls klangen die drei Mezzosopranistinnen Kimara Pessatti, Christa Mayer und Barbara Senator frisch und voll und konnten so ihre gefährlichen Netze auswerfen.
Regisseur Karsten Wiegand hat ein imponierendes dreigeschossiges Metallgerüst ins Konzerthaus gestellt, welches Orchester und SängerInnen als “Spielfläche” diente. Man kann den gigantischen logistischen Aufwand nur erahnen, welcher nötig war, damit alle MusikerInnen den Dirigenten sehen konnten. Drei ins Stahlgerüst eingelassene Leinwände boten Platz für assoziative Videoclips, welche von verlangsamten Filmszenen mit Kim Novak und James Stewart bis zum qualvollen Abschuss einer Giraffe reichten. Dazu wurde live im Saal Kokoschkas Verhältnis zu seiner Alma-Puppe gefilmt und auf die Leinwände übertragen. Trotz dieser überzeugenden halbszenischen Lösungen wünsche ich mir, dass es bald mal ein Opernhaus wagen wird, ORPHEUS UND EURYDIKE von Krenek szenisch aufzuführen.
Der Dirigent müsste dann allerdings auch Lothar Zagrosek heissen, denn wie er diese packende Musik zusammen mit dem großartig aufspielenden Konzerthausorchester zum Leben erweckte, war schlicht überwältigend. Mit pochenden, präzisen Rhythmen und gleissenden Klängen des Blechs schufen er und das Orchester eine mitreissende Sogwirkung. Unterstützt wurde der fiebrige Charakter des Werks durch die mal unheilvollen, mal bacchantischen Einwürfe des hervorragenden Ernst Senff Chors.
Demnächst
Mi 11. September 2013 20:00 Uhr
Bela Bartok - Der wunderbare Mandarin
Fr 15. November 2013 20:00 Uhr
Leonard Bernstein - 3. Sinfonie (Kaddish)
Sa 16. November 2013 20:00 Uhr
Leonard Bernstein - 3. Sinfonie (Kaddish)